Memorandum

"Neue Wege der Übersetzerförderung"

Memorandum

 

1.

Ohne die Übersetzer wäre "Weltliteratur" ein leerer Begriff. Was andere Völker denken und fühlen, erfahren wir aus ihren Nationalliteraturen, diese aber erschließen sich erst dank der Sprach- und Interpretationskunst der Übersetzer.
Seit der Goethe-Zeit gilt Deutschland als klassisches Übersetzerland. Diese Tradition wirkt fort, ist doch heute fast jedes zweite belletristische Buch eine Übersetzung. Wir holen auf diese Weise nicht nur Welterfahrung in den eigenen Kulturkreis; übersetzte Literatur bildet auch einen nicht unerheblichen Wirtschaftsfaktor.
Unser Sprachgefühl wird durch Lektüre geprägt, darum haben die Übersetzer großen Einfluß auf unsere Muttersprache. Je prägnanter und vielfältiger Sprache und Stil der übersetzten Bücher, je höher also die Übersetzungskultur, desto reicher und lebendiger bleibt das Deutsche.

2.

Übersetzen ist ein Beruf. Wer sich mit dem Übersetzen von Literatur befaßt, kann jedoch von dieser Tätigkeit, trotz ihrer Bedeutung, nur in Ausnahmefällen leben. Die – schon immer unzureichenden – Honorare stagnieren seit Jahren. Hans Wollschläger, der vor zwanzig Jahren für seine Übersetzung des "Ulysses" von James Joyce ein weit überdurchschnittliches Honorar bekam, sagte schon damals, er habe, auf Stunden umgerechnet, weniger verdient als eine Putzfrau im Verlag. Seither hat sich die Lage noch verschlechtert. „Gute" Literatur, deren Übersetzung besondere Sorgfalt erfordert, wird in der Regel vom Übersetzer selbst (oder dessen Familie) subventioniert. Gerade verantwortungsbewußte Übersetzer müssen ihre Arbeit immer häufiger durch Nebenverdienste finanzieren. Oder sie wandern aus Existenznot in andere Berufe ab.
Das hohe qualitative Niveau deutschsprachiger Übersetzungen, das nach Drittem Reich und Zweitem Weltkrieg erst in den sechziger Jahren erreicht wurde, ist damit wieder bedroht.

3.

Die Literaturübersetzer teilen das Schicksal aller kleinen Gruppen mit eigener Spezifik, die nicht über eine Lobby verfügen. Sie versuchen, seit sie sich 1974 neu organisiert haben, eine Verbesserung ihrer Honorarsituation zu erreichen – ohne Erfolg. Absprachen über Mindesthonorare scheitern schon daran, daß der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nicht tariffähig ist. Der zwischen dem Verlegerausschuß des Börsenvereins und dem Verband deutscher Schriftsteller (VS) in der IG Medien ausgehandelte "Normvertrag" stellt deshalb zwar eine Empfehlung zur fairen Vertragsgestaltung dar, er enthält aber keine konkreten Zahlen.

4.

Würden die Übersetzer stets an der Verwertung ihrer Werke prozentual beteiligt (wie es das Urheberrecht nahelegt), brächte ihnen das zumindest bei Büchern, die zu geschäftlichen Erfolgen werden, eine spürbare Verbesserung ihrer Lage. Gelöst wäre das Problem damit noch nicht.
Wollte man bei allen Büchern die Honorare für die Übersetzer kostendeckend gestalten, müßten die heute üblichen Seitenhonorare um das Zwei- bis Vierfache steigen. Dies aber gibt der Buchmarkt nicht her.
Der Blick in europäische Nachbarländer bestätigt, daß sich gutes literarisches Übersetzen nicht allein nach marktwirtschaftlichen Prinzipien finanzieren läßt. Es ist nicht weniger auf Förderung angewiesen als die anderen Künste.

5.

Eine Förderung der Übersetzer durch öffentliche und private Institutionen gibt es bisher nur in Einzelfällen und meist mit regionaler Begrenzung.
Bestehende überregionale Förderprogramme der öffentlichen Hand – z.B. für die Übersetzung von Werken aus Osteuropa, Asien, Afrika oder Lateinamerika – erstatten den Verlagen Übersetzungskosten, um die Publikation dieser Werke zu ermöglichen. Der Übersetzer erhält dabei in der Regel nicht mehr als das gängige – für ihn nicht kostendeckende – Honorar.

6.

Kulturaustausch und Pflege der eigenen Sprache sind eine gemeinsame Aufgabe von Bund und Ländern. Den Literaturübersetzern gegenüber wird diese Aufgabe bislang unzureichend wahrgenommen. Abbauen läßt sich dieses Defizit nur durch die Schaffung einer spezifischen Fördereinrichtung, die bundesweit tätig ist.

7.

Diese Einrichtung kann selbständig bestehen oder einer vorhandenen Einrichtung angegliedert werden; entscheidend ist, daß die Mittel zur Förderung der Übersetzer gesondert ausgewiesen werden. Über die Vergabe der Mittel müssen übersetzungskundige Fachgremien befinden; Maßstab ist die Qualität der Übersetzung.
Da das angestrebte Förderprogramm subsidiären Charakter haben soll, enthebt es die Verlage nicht der Verpflichtung, die Übersetzer angemessen zu honorieren.

 

8.

Eine solche qualitätsorientierte Förderung käme nicht nur den Übersetzern und ihrer Kunst, also den übersetzten Werken, zugute. Von den Verlagen könnte sie als verkaufsförderndes Gütesiegel benutzt werden. Sie würde die Arbeit der Übersetzer stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken, die Leser für Sprache und Sprachkultur sensibilisieren und auf nachhaltige Weise zum "Dialog der Kulturen" beitragen.

Rosemarie Tietze
Präsidentin des
Freundeskreises zur internationalen Förderung
literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen
Dr. Burkhart Kroeber
Vorsitzender der
Bundessparte Übersetzer im Verband deutscher Schriftsteller (VS)


Das Memorandum wurde in den beiden Konferenzen "Neue Wege der Übersetzerförderung"
(1./2. März 1996 und 10./11. Januar 1997, Literarisches Colloquium Berlin) beraten.

Teilgenommen haben:

Dr. Horst Claussen, Bundesministerium des Innern, Bonn
Dr. Max Dehmel, Bundesministerium für Wirtschaft, Außenstelle Berlin
Dr. Michael Worbs, Auswärtiges Amt, Bonn

Renate Brendel, Literaturreferentin Sachsen
Susanne Degener, Literaturreferentin Niedersachsen
Wolfgang Köppe, Literaturreferent Brandenburg
Dr. Elke Siegl, Literaturreferentin Schleswig-Holstein
Ingrid Wagner-Kantuser, Literaturreferentin Berlin

Dorothee Asendorf, Literaturkommission Niedersachsen, Hermannsburg
Dr. Gerhard Dette, Deutscher Literaturfonds, Darmstadt
Jürgen Dierking, Literaturkontor Bremen
Dr. Joachim Fischer, Kulturstiftung der Länder, Berlin
Dr. Eugen Gerritz, Literatur-Rat NRW
Sabine Herholz, Verband deutscher Schriftsteller, Stuttgart
Dr. Gottfried Honnefelder, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Frankfurt/M.
Thomas Krüger, MdB, Berlin
Iris Mai, Deutsche Literaturkonferenz, Berlin
Prof. Ferdinand Melichar, VG Wort, München
Dr. Maria Müller-Sommer, Verband der Deutschen Bühnenverleger, Berlin
Monika Nagorsen, Stiftung Kulturfonds, Berlin
Dr. Stephan Nobbe, Goethe-Institut, München
Friedhelm von Notz, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Frankfurt/M.
Prof. Dietger Pforte, Stiftung Kulturfonds, Berlin
Claus Sprick, Europäisches Übersetzerkollegium, Straelen

Nicole Bary, Übersetzerin, Paris
Peter Bergsma, Übersetzer, Amsterdam
Niels Brunse, Übersetzer, Kopenhagen

Dr. Reinhild Böhnke, Übersetzerin, Leipzig
Thomas Brovot, Übersetzer, Berlin
Dr. Burkhart Kroeber, Übersetzer, München
Helga Pfetsch, Übersetzerin, Heidelberg

Dr. Klaus Birkenhauer, Freundeskreis, Straelen
Ursula Brackmann, Freundeskreis, Horgenzell
Helmut Frielinghaus, Freundeskreis, New York
Hildegard Grosche, Freundeskreis, Stuttgart
Egbert-Hans Müller, Freundeskreis, Stuttgart (Moderation)
Rosemarie Tietze, Freundeskreis, München

Jürgen Jakob Becker, Literarisches Colloquium Berlin
Dr. Ulrich Janetzki, Literarisches Colloquium Berlin