Deutsch-Russische Übersetzerwerkstatt 2006

Aus dem Bericht der Werkstattleiter:

„Ein weiteres strukturelles  Grundprinzip der Werkstatt hat sich gleichfalls bewährt: Jeder Teilnehmer kam mit einer eignen Arbeit aus seiner konkreten übersetzerischen Praxis, in der Regel ‚in progress’, und stellte sie in einem zweistündigen Seminar zur Diskussion. Sprich: zwölf Texte in zwölf Handschriften (bzw. vierungzwanzig, rechnet man Autoren und Übersetzer auseinender) wurden behandelt, was eine umfängliche Vorbereitung jedes einzelnen erforderte, jedoch den gar nicht zu überschätzenden Vorteil hat, daß neben den Seminarleitern jeweils ein anderer Teilnehmer – der Urheber – zur ‚Befeuerung’ der Diskussion motiviert war: Es ging um ‚Ureigenes’.

Ferner ergab das Zufallsprinzip der Textauswahl auch diesmal ein interessantes Spektrum verschiedenster Textsorten: von hochkomplizierten ‚Über-Texten’ (Jirgl, Jelinek, Petruschewskaja) bis hin zu ‚tivialer’ Fantasy (Max Fraj) und gedrucktem Filmskript (Süskind). Daß auch Texte allerhöchster Komplexität an der Grenze zur Hermetik ‚werkstattfähig’ waren, zeigte die Beschäftigung mit einigen Celan-Gedichten, für die der punktuell-analytsche Blick der ‚Prosaiker’ sich als erstaunlich produktiv erwies. Zwischen den einzelnen Beiträgen ergaben sich überraschende intertextuelle Bezüge und Parallelen, die die Seminarleiter schon vorab bei der konkreten Anordnung der Seminarblöcke zu berücksichtigen versuchten.

Die Diskussionen bewegten sich auf zumeist hohem Niveau; übe die gängige ‚Fehlerdiskussion’ hinaus erschlossen sich die Texte strukturell und poetologisch, wodurch ansatzweise neue Übersetzungsstrategien angeregt und erarbeitet wurden. Daneben konnten viele lexikalische ‚Verstehensfragen’ (Sinnveränderungen von Wörtern, Kontexte), weit jenseits der Grenzen von Wörterbüchern angesiedelt, durch vertiefende Betrachtungen kultureller Kontexte erhellt werden.

(…)

Darüber hinaus wurde die Werstatt für den Austausch berufspraktischer Erfahrungen, die Anregung von Interaktionen, hin zu einem Netzwerkaufbau zwischen deutschsprachigen und russischen Kollegen genutzt.“

Anna Schibarowa und Andreas Tretner


Aus dem zusammenfassenden Bericht einer Teilnehmerin:

„Die Suche nach dem richtigen Wort?

Sechs Tage Übersetzer-Werkstatt 2006 in Straelen

Wer mit dem Übersetzen beginnt, glaubt häufig, dass es darauf ankommt, das richtige Wort in der Zielsprache zu finden. Etwas später merkt man, dass es damit nicht getan ist – man übersetzt keine einzelnen Worte, man übersetzt Sätze – nein, Absätze – nein, Texte, ganze Texte übersetzt man! Darauf kommt es an. Und dann findet man zum einzelnen Wort zurück, das tatsächlich aufgespürt werden muss, aber eingebettet im Verweisungsgeflecht des ganzen Textes, seiner Stilistik, seiner Poetik, seines avisierten Rezipienten, seiner Verankerung in der Literaturgeschichte, seiner Innovativität in der Gegenwart, seiner Individualität. Hier gilt es, Entsprechendes in der Zielsprache zu finden – in einem wenigstens als ähnlich zu denkenden Horizont von Sprachmittel, Gedanke, Assoziation.

Was beim Literaturübersetzen täglich praktiziert wird, entfaltet sich während der Werkstatt in jeder Diskussion eines Textbeispiels auf ganz eigene Weise. Ob man über Marina Moskwinas Erzählung für Kinder – wirklich für Kinder? – spricht oder über Paul Celans Gedichte, immer berührt man im Kreisen zwischen Gesamttext und Detailfrage eine Schranke (das kann nicht in vollem Umfang übertragen werden), immer gibt es umgekehrt den Funken, der mit einem Mal über das eine Wort oder den einen Satz den Text erhellt oder vom Text her Licht auf den Begriff, die Phrase wirft. Und währenddessen sammelt man – Informationen der Kollegen über Sprache, Stil, Jargon, Realien im Wandel der Zeit ...

Ah, как бы schafft Distanz, und в самом деле steht für Identität?

Dialekte haben im Russischen eine völlig andere Funktion als im Deutschen (was ja schon mit historischen Entwicklungen – Zentralismus versus Kleinstaaterei – zu tun hat). Wie kann der kurze Passus mit den Minimonologen dreier „Rheintöchter“ (der ganze Wagnermythos eröffnet sich als Hintergrund der Parodie!) in Süßkind/Dietls „Rossini“ übertragen werden? Völlig analog, also in drei Redebeiträgen, in denen ein Dialekt eine Figur jeweils markant charakterisiert, offenbar nicht. Stattdessen durch den ungeheuer komischen inflationären Einsatz von Füllwörtern, die sich parasitengleich (so heißen sie ja auch im Russischen) im zeitgenössischen Russisch breitgemacht haben. Die Übersetzung scheint meilenweit vom Original entfernt, aber im russischen Kontext, den sie generiert, wird Ähnliches assoziiert (eine gewisse bauernschlaue Primitivität), und lachen muss man. Na bitte.

Den Konjunktiv I gibt es im Russischen nicht.

Und deshalb enthält die Erzählung „Der Kuss“ von Peter Stamm ein spezifisches Problem für die Übertragung. Wessen Rede wird wiedergegeben? Oft ist das nicht eindeutig. In dem feinen Textgefüge, das die schwierige Beziehung zwischen Vater und Tochter wiedergibt, scheint der Rede- wie der Betrachterstandpunkt immer wieder zu schwanken. Beachtet man jedoch ein Strukturprinzip des Textes – jeder Absatz ist von der Perspektive entweder des Vaters oder der Tochter aus verfasst, gedacht, empfunden – dann hilft dies nicht nur bei der Übersetzung, dann ermöglicht das erst mit dem Einnehmen des richtigen Blickwinkels auch die entsprechende Übersetzung (und umgekehrt führt eine Missachtung des textgenerierenden Prinzips zu Übersetzungsfehlern). Ein Schlüssel zum Textverständnis ist immer auch ein Schlüssel fürs Übersetzen.

Не влезай – убьет!

So die sowjetische Warnung an Hochspannungsmasten, wörtlich: Klettere nicht hoch, es schlägt dich tot! (Man beachte dagegen den deutschen Nominalstil in seiner ganzen Aufgeregtheit: Hochspannung! Vorsicht! Lebensgefahr!) In der Regel wird im Deutschen der Infinitiv für Anweisungen oder Verbote benutzt. Obwohl eine solche Stelle Gegenstand der Diskussion von Marina Moskwinas Geschichte „Mein Hund mag Jazz“ war (Sprich leise? Ruhe, bitte? Bitte leise sprechen?), ging es doch vor allem um ein Lied. Ein russisches Volkslied, das jeder Mensch im russischsprachigen Raum kennt und das in der Erzählung in einer Jazz-Interpretation um die ganze Welt geht. Der russische Leser HÖRT genau das, diese Kombination von der sentimentalen Erinnerung an die Birke und dem Jazz-Sound, der Befreiung von Enge und Einschränkung, von Ideologie und Verboten. Der deutschsprachige Leser hört bei einer noch so genialen Übersetzung des Liedtextes – nichts. Und Hören heißt hier Fühlen, Riechen, Schmecken, heißt Kindheit, Jugend, Schule, Ferien, Zu- und Abneigung, Erwachsenwerden …

Ein deutschsprachiges Lied? Welches könnte Adäquates transportieren? Ein Beispiel dafür, wie durch Sprache ein ungeheures emotionales Feld eröffnet wird. Und eine ganz offene Frage in bezug auf Worte und Gesamttext.

Tupperparty und Herbalife

Elfriede Jelineks „Michael“ ist schon vierunddreißig Jahre alt. Worauf die Autorin da Bezug nimmt in ihrer beißenden, zerfleischenden Medienkritik – dieses Material gibt es auch in der Bundesrepublik schon lange nicht mehr. Und in der Sowjetunion gab es diese Kultur so nie. Bei der Übersetzung muss also „doppelseitig“ rezipiert werden – weil das Material nicht verfügbar ist (und weil die Medienkultur, die Jelinek implodieren lässt, in Russland erst seit fünfzehn, zwanzig Jahren überhaupt, und ganz anders, besteht), muss aktualisiert werden. ingrid bitte kommen sie einen augenblick. ich reisse ihnen die hände von dort weg wo sie sie haben ... Ингрид, можно вас на минутку. Да я просто руки вам оторву, потому что они не из того места растут. Diese freie Übersetzung (... ich reiße Ihnen die Hände ab, denn Sie haben ja ohnehin nur zwei linke Hände) vollzieht die Aktualisierung durch Phraseologismen, der Elfriede Jelineks Text in der russischen Gegenwart ankommen lassen.

Ist der Marmorhimmel weiß oder schwarz?

Reinhard Jirgl experimentiert mit Sprache, ob in „Hundsjahre“ oder anderswo. Das geht bis zum Erscheinungsbild des Textes. Wie steht es mit solchen extremen graphischen Veränderungen wie vorangestellten Interpunktionszeichen oder fünf Darstellungsvarianten für das Wort „und“ im Text – muss, sollte, kann die Übersetzung das nachvollziehen? (Der Autor verlangt es!) Wieder lautet die Frage: Welche Funktion haben diese Merkmale im Originaltext? Repräsentieren sie ein (philosophisches) geschlossenes System, oder signalisieren sie eine Art anarchische Störung des Leseflusses? Ein Bremsen, Verlangsamen, das aber, wegen der Abkürzungen und Vorwegnahmen, dann doch wieder das Tempo erhöht? Von der Beantwortung der Fragen hängt es ab, ob ein analoges System entworfen werden muss oder die Übersetzung eigenwillig, auf andere Weise ähnliche Effekte anstreben mag.  Und daneben geht es um die Frage, ob es zulässig ist, das Wort „marmorn“ („hämmert 1 Fetzen Nachtstadt … unter marmornem Himmel fest“) mit черномрарморный, „schwarzmarmorn“, wiederzugeben. Antwort: Im Russischen wird Marmor unbedingt als weiß assoziiert, was hier nicht passt und deshalb definitiv als abweichend markiert werden muss. Das Wort im Sprachkontext.

Ну, что с тобой, девочка?

Angeredet wird so (wörtlich „Na, was ist los mit dir, Mädchen?“) – ein Schmetterling. Im Russischen weiblich. Und damit steht ein Übersetzungsproblem von Dmitri Prigows „Mein privates Japan“ im Raum, ein klassisches, die Frage des grammatikalischen Geschlechts. Spielt in der darauffolgenden poetischen Szene, der Erinnerung an kindliche Schmetterlingsjagden, das feminine Geschlecht des Schmetterlings im Original eine tragende Rolle? Kann auf ein Neutrum ausgewichen werden? Und wie steht es überhaupt mit der Empathie in dieser und in ähnlichen Szenen des Buchs?  Darf man den Autor, den Perfomance-Künstler mit den vielen Stimmen, in seiner erzählerischen Betroffenheit ernst nehmen? Oder orientiere man sich besser an die durch Groteske und Hyperbolik markierte Haltung der ironischen Distanz, wenn man dem Erzähler auf seinen verschlungenen syntaktischen Wegen folgt (auf denen er oft selbst, als stünde er während einer Performance auf der Bühne, das richtige Wort zu suchen scheint)?

„Sag, Alter, was willst du haben?“

„Na, was ist mit dir, mein Schatz? “

Es war nicht immer leicht, in den Arbeitssitzungen die Balance zwischen Einzelproblem und allgemeiner Frage (wie geht man generell mit Ortsnamen um?), zwischen Textkonstruktion und einzelnem Wort (wie übersetzt man Hitlerjugend?) zu finden. Zu den Worten kann man immer noch am ehesten etwas sagen, die Textstruktur, die übergeordneten Fragen wurden manchmal zu wenig berücksichtigt. Aber selten – unsere Seminarleiter, extrem gut vorbereitet, sensibel, aufmerksam und dabei sehr „zielorientiert“, verdienen höchstes Lob. Das „Dilemma“ steckt in der Situation selbst, die gleichzeitig die Möglichkeit bereithält, unendlich viel zu sichten und zu sammeln – zwischen Detailfrage und Grundansatz muss man pendeln, was bisweilen in die Irre oder über längere Umwege führt. Durch eine straffere Ordnung würde ich das nicht geregelt wissen wollen (allerdings sollte jeder Teilnehmer sich selbst immer mal wieder ein „mehr Disziplin!“ zurufen), weil sonst die vielen Zufälligkeiten am Wegesrand übersehen werden könnten. Mit dem Prinzip der progressive digression kommt man weiter. Denn: Ach so, im Österreichischen geht man, und im Deutschen läuft man.“ (Christiane Körner)


Aus den Berichten der Teilnehmer:

„Das Erstaunliche ist, dass jeder Werkstatt-Teilnehmer, obwohl professioneller Übersetzer, seinem Text, an dem er schon so lange gesessen hat, etwas Neues abgewinnen konnte.“

„… gerade diese Zweisprachigkeit führt zu einer noch intensiveren Auseinandersetzung mit den Übersetzungsproblemen, unabhängig von Ausgangs- und Zielsprache der Texte. Probleme, die uns in beiden Sprachen betreffen und zu deren Lösungsansätzen die zweisprachige Diskussion mehr beitragen konnte, wie etwa Dialekte und Akzente, Interjektionen, willkürliche Orthographie einzelner Autoren, Verkürzungen und Komposita.“

„Wie wichtig ist es für uns, die wir meist einsam am Schreibtisch sitzen, sich über die Schwierigkeiten auszutauschen, über Möglichkeiten, sie zu lösen, oder auch übe die Unmöglichkeiten, über Übersetzungsvarianten, aber auch über die Arbeitsmethoden jedes einzelnen.“

„Ein Kollegenkreis ohne Rivalitäten, Hahnenkämpfe: wer ist der Beste?, war eine angenehme Erfahrung. Alle  waren akzeptiert. Eine Gleichheit, die ‚Brüderlichkeit’ bewirkte… Man sollte möglichst vielen Übersetzern die Gelegenheit geben, diese Erfahrung zu machen – damit die Literaturen der beiden Länder enger zusammenwirken.“