Deutsch-Italienische Übersetzerwerkstatt 2006

 

Aus dem Protokoll der Werkstattleiter zu den bearbeiteten Texten:


Marina Pugliano
Jakob Hein: Vielleicht ist es sogar schön

Die autobiographische Erzählung beschreibt eine Alltäglichkeit der kleinen Gesten, Situationen, Gewohnheiten, in einem lakonischen Stil, der sich manchmal zu Wiederholungen oder längeren Sätzen steigert, die frei und im Rhythmus gebrochen sind und Raum für den introspektiven Fluss schaffen, so wie am Anfang des untersuchten Kapitels, wo der ganze erste Absatz aus einem einzigen Satz besteht, der in der Mitte durch einen Gedankenstrich unterbrochen ist. In der Übersetzung sollte diese Besonderheit beibehalten und besonders die Interpunktion nicht verändert werden (gegen den Willen des Lektors, der die Sätze kürzen und den Gedankenstrich durch einen Punkt ersetzen und die Erzählstruktur homogener gestalten wollte, als sie im Original ist). Doch dadurch wäre die Anordnung der Sätze verändert worden, um sie flüssiger zu machen. Eine weitere Schwierigkeit bestand darin, bestimmte Bilder wiederzugeben, die mit Mehrdeutigkeiten verbunden sind, wie z.B. beim deutschen Wort „Negativ“, („dieses jedes Licht auslöschende Negative, das grau in grau alles umschloss“); dies wurde dadurch gelöst, dass im Italienischen das Bild der Wolke benutzt wurde („quella nube che ricopriva ogni cosa di grigio soffocando con la sua negatività ogni barlume“). Diese Lösung wurde gewählt, um die Bedeutungsvielfalt und Bildhaftigkeit des Textes zu bewahren, die im abstrakten Substantiv „negatività“ verloren gegangen wären. Sie wurde jedoch von einigen Kollegen mit Hinweis auf die Texttreue und den (generell 
nüchternen) Charakter der Erzählung kritisiert und es wurden einige Alternativlösungen angeboten. Die Diskussion konzentrierte sich schließlich auf diesen Kapitelanfang und was man unter einer „wortgetreuen“ Übersetzung versteht – um die Definition des Übersetzers und Theoretikers Antoine Berman aus seinem Essay „la Traduction et la lettre ou l’Auberge du lointain“ aufzugreifen – und was der Unterschied zwischen „Wörtlichkeit“ und servilem Abklatsch ist.


Ada Vigliani
Fred Wander: Der siebente Brunnen

Das Werk ist durch einen einfachen parataktischen Stil gekennzeichnet, wenn auch die Sätze ziemlich lang und mit jiddischen und hebräischen Ausdrücken versetzt sind. Dies ist ein schwer zu lösendes Problem, denn während für den deutschen Leser das Jiddisch wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Deutschen verständlich ist, klingt es für den italienischen Leser völlig fremd. Die Übersetzung in einer Fußnote hinzuzufügen, würde die Lektüre erschweren, die aber genauso flüssig dahinlaufen soll wie das Original. Wieder stellt sich das Problem der Intertextualität und der Notwendigkeit, in diesem Fall jüdische Autoren zu betrachten, die auf italienisch geschrieben haben (z.B. Primo Levi), die aber nicht soviel Jiddisch benutzt haben wie die deutschsprachigen Autoren. Weiterhin ist zu beobachten, dass die Transliteration der jüdischen Namen im Italienischen und Deutschen unterschiedlich ist (z.B. auf Deutsch: Schimon). Ein weiteres Problem ist die Übersetzung des Vokabulars aus dem Lageralltag, z.B. Holzplatz, das im Italienischen paraphrasiert wird als „spiazzo dove viene accatastato il legname [Platz, wo das Holz gestapelt wird]“. Eine weitere Charakteristik des Textes, die in der Übersetzung gut gelöst wurde, ist der ständige Gebrauch der indirekten Rede, die im Deutschen mit dem Konjunktiv I wiedergegeben wird. Besonders schwierig ist die Wiedergabe eines Absatzes, in dem eine Reihe parataktischer Sätze in einen hypotaktischen „Rahmen“ eingefügt sind: „Dann, als Jossl umfiel bei der Arbeit am Holzplatz und die Posten ihn mit Schnee zugeschaufelt hatten, zum Spaß, und der Schneehaufen sich bewegte und eine kleine Hand daraus hervordrang, und sie weiter Schnee auf ihn warfen und lachten, und Zigaretten rauchten dabei, und als wir ihn abends mitschleppten ins Lager, war Jossl noch nicht tot“. Die Übersetzung eines solchen Satzes ins Italienische ist besonders mühsam, auch weil die wiederholte Handlung des Zuschaufeln des Kindes mit Schnee in Italienischen besser mit dem Imperfekt ausgedrückt würde. Aber da der parataktische „Rahmen“ zwingend das Passata remoto verlangt, hätte der Gebrauch des Imperfekt es erfordert, diesen „Rahmen“ zu sprengen und den Satz durch einen Punkt aufzutrennen. Die Lösung war schließlich, nur das Passato remoto zu benutzen und den Satz auf zwei Stützen ruhen zu lassen: dem Verb „continuare“ und dem Adverb „intanto“.


Valentina Tortelli
Charles Lewinsky: Melnitz (ital: La fortuna dei Meijer)

"Immer wenn er gestorben war, kam er wieder zurück". Das erste Problem taucht bereits im ersten Satz auf, der unter Überschreitung der grammatikalischen Norm so lapidar wie kryptisch klingt. "Immer" und "wieder" drücken nämlich eine Kontinuität in der Handlung aus, die mit der Situation eines Toten nicht übereinstimmt -- eine Eigentümlichkeit, die nicht einfach korrigiert werden darf, um das Verständnis zu erleichtern, auch weil der ganze folgende Absatz auf diesem obskuren Sinn dieses Anfangssatzes beruht. Der Absatz geht nämlich mit einer langen Reihe hypotaktischer Sätze weiter, die mit "wenn" eingeleitet werden und in einem Satz gipfelt, der mit "dann" beginnt. Nicht um das Rätsel aufzulösen, sondern um es neu zu formulieren: "dann war er [...] wieder da". Der Satz "er war wieder da" wird auch noch dreimal wiederholt und steht auch am Schluss des ganzen Absatzes. Deshalb entschied sich die Übersetzerin dafür, den Anfangssatz in den Imperfekt zu setzen: "Quando moriva ritornava, sempre", und das Wort "sempre" ans Ende zu stellen, um die Betonung wiederzugeben, die das Wort im Deutschen hat, wenn es am Anfang steht. Der deutsche Ausdruck "er war wieder da" ist einfach mit "era di nuovo li" übersetzt worden, genauso schlicht und gleichzeitig mehrdeutig wie im deutschen Originaltext, obwohl anfaenglich eine moegliche, eindeutigere Uebersetzung in Betracht genommen worden war: d.h. "era di nuovo in mezzo a loro", die aber zu ausdrucklich und, was den Klang der italienischen Sprache angeht, auch zu langweilig zu lesen gewesen waere, wenn dreimal wiederholt in einem Satz.

 

Ein weiteres Problem sind die jiddischen und schweizerdeutschen Begriffe, die häufig vorkommen und noch eine zusätzliche Komplikation aufweisen können: Wörter, die aus einem jiddischen und einen deutschen Wort zusammengesetzt sind (z.B. Schabbeslampe). Nach der Anweisung des Lektors sollten die jiddischen Ausdrücke nicht übersetzt werden und dafür im Anhang ein Glossar beigefügt werden, was auch für die zusammengesetzten Wörter wie im Beispiel oben gilt. Die Frage blieb offen. Ein weiteres Problem stellen die schweizerdeutschen Wörter da, die in der italienischen Übersetzung nicht wiedergegeben werden können. Die Überlagerung mehrerer Sprachen ist übrigens immer von der Übersetzung bedroht, wo die im Original bestehende Integration zwischen dem Dialekt und dem Koinè tendenziell verloren geht. Dies auch deshalb, weil die Übersetzung eines Dialekts durch eines anderen Dialekt als einziges Ergebnis die Lächerlichmachung des Originals mit sich brächte. Schließlich wurde noch das Problem der Bibelzitate besprochen, die Ausgang von Wortspielen sind, die man schwer übersetzen kann, da die italienische Bibelübersetzung teilweise von der deutschen Übersetzung stark abweicht. Das ist der Fall beim Vers: "Chi ha trovato una moglie ha trovato una fortuna [Wer eine tüchtige Frau findet, hat einen Schatz gefunden]", bei dem man mithört "brava moglie", und dem Vers: "Una donna perfetta chi potrà trovarla? [Wer findet die tüchtige Frau?]". In beiden Fällen steht im deutschen Original "tüchtige Frau". Wenn man die italienische Übersetzung getreu zitiert, kann das im Original vorhandene Wortspiel nicht wiedergegeben werden.


Bettina Müller Renzoni
Claudia Quadri:
Lacrima

Der Roman ist in einer Kleinstadt angesiedelt, die zwar nicht genannt, aber (anhand der Altstadtbeschreibung und der Seilbahn) als Lugano erkennbar ist. Er ist reich an literarischen Zitaten (Virginia Woolf, Borges, Hesse u. a.) und Anspielungen. Schon der Titel, Lacrima, verweist einerseits auf Tränen, andererseits auf den Wein Lacrima Cristi. Soll er also übersetzt oder im Original belassen werden? Da im Deutschen die Mehrdeutigkeit von „lacrima“ nicht beibehalten werden kann, stellt sich die Frage, welchem der beiden semantischen Inhalte man den Vorrang geben soll. Wie der Titel verweisen auch die Namen der Protagonisten auf mythologische (Giano) und biblische Figuren (Abel) oder auf ihre Etymologie (Claudio, aus lat. claudus = hinkend) und verraten damit etwas über ihren Charakter oder ihr Schicksal. Während in den ersten beiden Fällen der Bezug für den deutschen Leser klar ist, muss der dritte zwingend erklärt werden. Die Frage verkompliziert sich, weil die Anspielung im Originaltext ausgeführt wird: «Claudio, uno claudicante a cominciare dal nome». Nun gibt es auf Deutsch kein Äquivalent von «claudicante» (Stolperer, Hinkebein), das einen Bezug zum Namen Claudio herstellt. Wie löst man das Problem, ohne die Ökonomie des Textes zu verändern? Ein Einschub als Alternative zur Fußnote macht den Satz schwerfällig. Ein analoges Problem stellt der Name des Cafés dar, das als Schauplatz des Romans dient: Ricovero dei Poeti. Auch in diesem Fall ist eine Klärung nötig, und auch hier muss sich die Übersetzung für eines der semantischen Felder entscheiden, die das Wort „ricovero“ im Italienischen abdeckt. Die deutsche Übersetzung erklärt den Namen bei der ersten Erwähnung mit „Dichterhospiz" und lässt ihn dann im ganzen Roman italienisch. Dass Übersetzen nicht einfach heißt, Äquivalenzen zu finden, wird auch aus der Schwierigkeit klar, eine Entsprechung für Lebensmittel zu finden: Die italienische „brioche“ z. B. ist keine deutsche Brioche, sondern eigentlich ein Croissant. Oder der Eidotter, dessen Farbe mit der untergehenden Sonne verglichen wird: unverwechselbar rot auf italienisch („rosso d’uovo“), während es auf deutsch Eigelb heißt. Dazu kommt, dass sich die Farbe Rot wie ein „roter Faden“ durch den ganzen Roman zieht. Die deutsche Übersetzung lautet deshalb «Sonnenuntergänge, grellrot wie Eidotter».