Zum Seminar „Aus kritischer Distanz – Wie redigiere ich mich selbst?“ 1999

Wege zur kritischen Distanz

Rückblick auf das Seminar „Aus kritischer Distanz – Wie redigiere ich mich selbst?“ in Straelen

 

 von Peter Klöss

(erschienen in „Übersetzen“ 1/2000)

 

Lektoren haben immer weniger Zeit für die Betreuung von immer mehr Büchern. Deshalb werden sie noch mehr darauf achten als bisher, „pflegeleichte“ Übersetzer zu beschäftigen, an deren Manuskripten nicht mehr viel „zu machen“ ist, sprich: die möglichst perfekte Übersetzungen abliefern, über die man nur noch mal kurz drübergehen muß (maximal ein Wochenende), um sie dann mit einer paar Änderungen hier und dort in den Satz zu geben.

Nun war es schon immer so, dass Übersetzer ihr bestes gaben, damit sie Anschlussaufträge bekamen. Doch angesichts der Tendenz im Verlagswesen, Lektoren als „Produktionsmanager“ und Lektorieren als  unproduktives Schmuckwerk zu betrachten, hat der Übersetzer immer größere Verantwortung für die von ihm ins Deutsche gebrachte Literatur – er wird zunehmend zum eigentlichen Lektor und im Grunde zum einzigen Fachmann für das übersetzte Buch. Negativer Nebeneffekt: Der Übersetzer profitiert kaum mehr von der Erfahrung des Lektors, er muß sich seine Kenntnisse anderswo aneignen.

Da traf es sich gut, dass vom 28.11. bis 3.12.1999 in Straelen unter der Leitung der Lektorin Bärbel Flad (Kiepenheuer & Witsch) und der Russisch-Übersetzerin Mascha Tietze ein vom Deutschen Übersetzerfonds gefördertes Seminar stattfand, das angesichts des oben skizzierten Wandels im Verhältnis Übersetzer-Lektor passte wie die Faust aufs Auge: „Aus kritischer Distanz – Wie redigiere ich mich selbst?“. Ziel war natürlich nicht, die Teilnehmer für eine künftig Tätigkeit als Lektoren zu schulen; vielmehr sollten die eigenen Arbeitstechniken auf den Prüfstand gestellt und durch Austausch mit Kollegen ergänzt werden.

Das neu konzipierte Seminar ist in der Anlage eine „Simulation“ der Situation vieler Lektoren, die Übersetzungen zu redigieren haben, obwohl sie die Ausgangssprache nicht beherrschen; sie müssen sich also allein auf die deutsche Fassung stützen. Die Teilnehmer wurden so ausgewählt, dass sich nach Möglichkeit Sprachenpaar ergaben, d.h. jeweils zwei Seminaristen übersetzten aus (mehr oder weniger) derselben Sprache: Englisch, Französisch, Ungarisch, Niederländisch, Dänisch/Isländisch, nur der Italienischvertreter bildete allein ein Paar. Die Teilnehmer waren unterschiedlich erfahren und hatten Texte aus den Genres Belletristik, Jugendbuch, Cartoon und Fantasy eingereicht.

Gearbeitet wurde von morgens neun bis abends zehn. Ehrlich. Das Verhältnis zwischen Textarbeit und Berufskunde betrug etwas zwei zu eins. Im Informationsteil (nachmittags) sprachen Referenten über allgemein interessante Themen wie Übersetzerförderung, Verbands-einmaleins, Übersetzer und Verlag, Hilfsmittel, Internet für Übersetzer. Als Vorbereitung für die vormittägliche Textarbeit bearbeiteten alle Teilnehmer nach dem Abendessen die zwei bis drei eingereichten Texte für den nächsten Tag, wobei der jeweilige Sprachpartner auch noch den Originaltext unter die Lupe nahm. Die Texte selbst waren von den Leiterinnen so ausgewählt worden, dass sich darin jeweils „typische“ Problemkreise ausmachen ließen: Tempus, Konjunktiv, Syntax, Stilebene usw.

Der Königsweg zur „Distanzgewinnung“ wurde nicht gefunden, empfehlenswert bleiben die altbewährten Techniken: Laut (vor)lesen, zwischen zwei Bearbeitungen möglichst viel Zeit vergehen lassen, das Manuskript typographisch verfremden, z.B. in Buchlayout ausdrucken (Querformat zweispaltig). Das wichtigste Hilfsmittel bleibt jedoch das „Fachwissen“, die Erfahrung im Umgang mit Sprache. Dabei erwies sich die Sprachenvielfalt als größter Vorteil der Seminarkonzeption, denn es konnten manche Interferenzen aufgedeckt werden, die vielen von uns neu waren (z.B. SPO-Satzkonstruktionen bei Übersetzungen aus dem Englischen oder Zeitenwirrwarr bei Übersetzungen aus den romanischen Sprachen, um nur die bekanntesten zu nennen).

Der Umgang mit Sprachen wir dem Ungarischen, die den meisten Teilnehmern sozusagen böhmische Dörfer waren, erlaubte neue Einsichten auch für den Umgang mit dem Deutschen. Geschärft wurde das Auge im Einzelnen für die Textform; die Stilebene (Texte „rauf“ bzw. „runter“ fahren, Einsatz von Konjunktiv I in indirekter Rede, Spiel mit verschiedenen Sprachniveaus); die Wortfeldanalyse; das Vermeiden von Substantivierungen; den Einsatz heller bzw. dunkler Vokale sowie, last but not least, die Titelgebung… Obwohl die Woche in Straelen wie gesagt sehr arbeitsintensiv war, wurde längst nicht alles behandelt, wieder einmal war die Zeit zu knapp. Deshalb wäre eine Neuauflage dieses allen Kollegen zu empfehlenden Seminars wünschenswert, zumal es großen Spaß gemacht hat.

Als wir fuhren, waren wir alle wohlgesättigt mit neuen Kenntnissen (und mit Ursula Brackmanns vorzüglicher vorweihnachtlicher Hausmannskost). Wie allerdings Bärbel Flad aus eigener Erfahrung anmerkte, führt die intensive Beschäftigung mit Sprache häufig zu einem vorübergehenden Totalverlust der Sicherheit im Umgang damit. In diesem Sinne ist zu hoffen, dass die Teilnehmer recht bald die „kritische Distanz“ wieder finden.