Seminar „Zur Seite gesprungen“ 2007

Aus dem Bericht der Seminarleiter


„Die Diskussionen hatten durchweg ein hohes Niveau. Der Erkenntnisgewinn war auf beiden Seiten bemerkenswert: Den meisten Lektoren war nicht klar gewesen, wie viele Gedanken sich Übersetzer bei ihrer Arbeit machen, wie viele Möglichkeiten es gibt, an der literarischen Sprachgestalt noch zu arbeiten; die meisten Übersetzer hatten nur ungenaue Vorstellungen davon, was Lektoren trotz aller Verlags- und Marktzwänge leisten. Ein Ergebnis des Seminars war sicher: gegenseitiger Respekt. Aber auch, dass man in einer solchen Arbeitsatmosphäre über alles sprechen kann.“

(Thomas Brovot und Jürgen Dormagen)


Der Bericht einer Teilnehmerin

Lektoren sind die Besserwisser vom Dienst und nicht auf der Welt, um Fehler zu machen

 

 

 

von Miriam Mandelkow

(erschienen in „Übersetzen 1/2008)

 

Weil Lektoren entgegen anderslautenden Gerüchten am Anfang auch Anfänger sind, haben Thomas Brovot und Jürgen Dormagen zu ihrem jährlich stattfindenden Seminar für Literaturübersetzer im vergangenen Winter erstmals auch Lektoren eingeladen. Ein Experiment, und zwar ein ziemlich geglücktes. Sechs Übersetzer, vier Verlagslektoren und drei Außenlektoren widmeten sich von Donnerstagmittag bis Sonntagmittag der gemeinsamen Textarbeit auf der Grundlage vorab verteilter Übersetzungen und (anonymisierter) Übersetzungsredaktionen. Ob Übersetzer und Lektoren denn nun unterschiedlich an literarische Texte herangehen, kann ich seitdem noch weniger beantworten, aber das war vielleicht gerade Sinn der ganzen Unternehmung: nicht die Unterschiede herauszustellen, sondern das gemeinsame Interesse am Text.

 

Auch wenn Übersetzer und Lektoren am ersten Abend noch an getrennten Tischen aßen - purer, doch putziger Zufall -, war von Anfang an deutlich, dass hier eine Gruppe gemeinsam diskutiert. Besonders die nicht eben seminarverwöhnten Lektoren empfanden es als ungeheuren Luxus, sich im geschützten Raum ausführlich über Texte austauschen zu können (O-Ton beim inzwischen interdisziplinären Abendessen: „Das glaubt mir im Verlag kein Mensch, dass ich mich hier vier Tage lang über Verben unterhalte“), aber auch den anwesenden Übersetzern stellvertretend ihre Zwänge zu schildern und ihre Frustrationen: über sogenannte mittelmäßige Übersetzungen, überzogene Abgabetermine und – man staune – Desinteresse und Gesprächsverweigerung. Auf der anderen Seite möchte man als Übersetzerin nur bedingt bestätigt bekommen, dass in vielen Verlagen eine reibungslose Abwicklung wichtiger ist als die Qualität der Übersetzung: rechtzeitig abgeben und nicht mucken.

 

Je nach Redaktionsvorlage ging es bei der Textarbeit auch um die Optimierung von Arbeitsabläufen, den Umgang mit Konflikten, Unterschiede zwischen Verlagslektoren, die sich ihre Übersetzer in der Regel selbst aussuchen und für die Titel rundum verantwortlich sind, und Außenlektoren, die häufig angeheuert werden, um gegen Geringsthonorar Katastrophen auszubügeln, wobei sich hier wiederholt die Frage stellte: Wann schicke ich ein Manuskript als unredigierbar zurück? Erziehe ich damit den Verlag, bessere Übersetzer zu beauftragen? Hochinteressant die unterschiedlichen Herangehensweisen der Lektoren: Es gab durchredigierte Manuskripte mit und ohne Kommentar, Unterkringelungen, Rückfragen, zaghafte und beherzte Eingriffe, bloße Vorschläge und entschiedene Korrekturen. Einig waren wir uns darüber, dass dies nur der erste Schritt im Redaktionsablauf sein kann, eine Besprechung muss folgen (die in vielen Verlagshäusern nicht praktiziert wird, das ist bekannt – und wie absurd das ist, haben nicht zuletzt die lebhaften Diskussionen im Seminar gezeigt). Außerdem ist jede Redaktionsbesprechung zugleich eine Art Fortbildung, und zwar für beide Seiten.

 

Da kein Lektorenalltag so viel Feinarbeit zulässt wie ein Seminar, greift der Lektor im richtigen Leben nur dort ein, wo er stolpert (auch dies natürlich eine unzulässige Verallgemeinerung). „Stolpern“ ist ein beliebtes … Argument?, das in Diskussionen über Texte gern ins Feld geführt wird; in diesem Seminar ging es, vor allem bei der Arbeit an den eingereichten Übersetzungen, in erster Linie darum, dem Text die je eigenen Nuancen des Tons, der Erzählhaltung und Stilfärbung abzulauschen, denn der Text, wie Jürgen Dormagen nicht müde wurde zu betonen, erzählt uns, was er braucht. Bevor man sich das angehört hat, kann man auch nicht stolpern. Zwar ging es in den Diskussionen eher darum, Stolpersteine zu erkennen, als sie an Ort und Stelle aus dem Weg zu räumen, aber es gab auch ganz erstaunliche Lösungen, Ideen und Erkenntnisse. Thomas Brovot führte uns immer wieder vor, dass die Spielräume im Deutschen oft größer sind, als man meint – wenn wir die Fragen anders stellen (nicht, ob das Deutsche den Tempuswechsel verkraftet, sondern welche Syntax, welche Partikel usw. das Deutsche für diesen Tempuswechsel braucht), während Jürgen Dormagen in nur scheinbarem Widerspruch dazu mahnte, dass die Spielräume oft enger sind, als viele meinen – wenn wir den Text ernst nehmen (und ihn nicht etwa eine Stilebene „hochfahren“ oder „runterfahren“; man kann nur „etwas tun, was der Text tut“), wenn wir, mit anderen Worten, den Text verstehen.

 

Zusammengefasst soll das alles heißen: viel Stoff, kurze Pausen, rauchende Köpfe, jede Menge Anregung nebst unvermeidlicher Verunsicherung bei gutem Essen und bester Betreuung (dank Jürgen Jakob Becker) an einem kalten, verregneten Wannsee. Oder noch knapper: dringend empfohlen!