Grundlagenseminar: Aus kritischer Distanz – Wie redigiere ich mich selbst?“ 2005

Eine Empfehlung von Miriam Mandelkow

 

(erschienen im Hamburger Rundbrief)

 

 

"Einige aus unserem Kreis sind ja bereits in den Genuß dieses Seminars gekommen, das in diesem Jahr zum fünften Mal stattfand. Diesmal haben Brigitte Jakobeit, Ulrike Schimming und ich die Chance ergriffen, uns eine Woche lang von Grund auf verunsichern zu lassen (so ist wohl das mit dem „Grundlagenseminar“ zu verstehen). Es fand wie immer in Straelen statt, bei hanseatisch anmutender Witterung, die die Arbeit in geschlossenen Räumen begünstigt, woselbst ein äußerst entspanntes, konzentriertes und heiteres Klima herrschte. Von 12 Teilnehmern waren 11 –innen, die aus unterschiedlichen, wenngleich überwiegend englischen Sprachen übersetzen.

 

An sechs Vormittagen wurde an vorab eingereichten Texten gearbeitet (ca. zehn Manuskriptseiten, die auch, wenn z.B. gerade Auftragsflaute herrscht, eigens für das Seminar angefertigt werden können; in jedem Fall sollten sie unveröffentlicht sein, denn das Bedürfnis, hinterher grad noch mal alles umzuschreiben, kann sich im Laufe des Seminars bedenklich steigern), die je unterschiedliche Schwerpunkte setzten wie die Suche nach Ton oder Tempo, das Erfassen der Stilebene, Transport von Realia oder Gestaltung von Perspektive und Erzählsituation. Egal in welchem Stadium der Bearbeitung sich die Übersetzung befand, wir sind grundsätzlich vom deutschen Text ausgegangen, der uns oft viel mehr erzählt hat als zunächst angenommen: ob beispielsweise das Zeitensystem stimmig oder wohl eher dem des Originals verhaftet ist, ob Wiederholungen als bewußtes Stilmittel fungieren oder sich sittenwidrig eingeschlichen haben, welche Konjunktive wo willkommen sein könnten; wenn wir stolpern: liegt es an stilistischen Eigenheiten des Originals - und funktionieren sie im Deutschen oder sollte man sie gar noch stärker herausarbeiten - oder vielmehr an solchen Fragen, die eher der Duden als das Original beantworten kann (der Star des Seminars: no. 9 – Richtiges und gutes Deutsch)?

 

Natürlich sind das die Fragen, die wir uns ohnehin jeden Tag stellen. Aber oft bleiben sie eben in diffusem Unbehagen stecken, dem Mascha Tietze und Bärbel Flad ganz wunderbar zu produktiver Erschütterung verhelfen. Ihr Umgang mit den Übersetzungen zeugt von ungeheurem Respekt für die Texte und unsere jeweilige Herangehensweise und von der wohltuenden Weigerung, sich von simplifizierenden Normen textübergreifende stilistische Vorgaben machen zu lassen. So ging es beim gemeinsamen Redigieren auch nicht um fertige Lösungen, sondern um Möglichkeiten. Um verschiedene syntaktische Varianten etwa, mit denen sich ein bestimmter Rhythmus nachbilden, bzw. neu erzeugen läßt. Leichter werden die Entscheidungen durch dieses Seminar nicht, aber lustvoller.

 

Ein paar Entscheidungshilfen bekamen wir dann nachmittags an die Hand, durch Referate zu Nachschlagewerken und neuen linguistischen Ansätzen der Volltextrecherche,  nebst berufskundlichen Informationen zum Verhältnis Übersetzer und Verlag, zu Urheberrecht und Übersetzerförderung. Und da wir hin und wieder aus dem stillen Kämmerlein treten sollten, haben wir uns in einer abendlichen Lesung allesamt den drei wesentlichen Aspekten des menschlichen Daseins gewidmet: Geburt, Tod und Steuererklärung.

 

Rundgefüttert und bestens versorgt von Ursula Brackmann ging´s nach einer Woche zurück.

 

 

Wer also Parasiten aufspüren und der Man-Sucht entsagen will, dem sei dieses Seminar wärmstens empfohlen."